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Der Anfang

Rhein - Ruhr Megaplex, 12.09.2152  Wolken bedeckten - wie zumeist - den von der zweiten von 13 Ebenen "alt Gelsenkirchens" unsichtbaren Himmel. Der Regen tropfte dennoch von den dreckigen Decken und Brücken der oberen Ebenen. Niemand konnte sagen, ob es vorgestern oder gestern geregnet hatte... vermutlich regnete es heute sowieso auch.
 In den unteren Ebenen, wo höchstens künstliches Licht die Schatten, in denen zwielichte Gestalten warteten, vertrieb, lebten nur wenige "vernünftige" Leute. Zumeist gescheiterte Existenzen, Junkies, Kranke, Arbeitsunfähige. Noch weniger überlebten hier lange. Müll beseitigte sich hier unten von selbst... denn das war es worum hier gekämpft wurde, wovon viele von den Menschen hier unten lebten.

Schmutzige Pfützen bedeckten den gesprungen, porösen Stahl - Beton Boden. Lampen waren lange nicht ausgewechselt worden, blinkten oder waren ganz aus. Keine Cars bewegten sich hier unten, sodass es beinahe gespenstisch Still war. Der CAP hatte kaum noch Karten für hier unten, sodass man den Wagen hätte selbst lenken müssen, was bei der Menge an Hindernissen hier unten vermutlich ohnehin der Fall gewesen wäre.

Eine Person, die der Müll - zumindest heute - nicht interessierte, ging missmutig durch die Straßen dieser Ebene. Suchend, achtend bahnte sie sich ihren Weg durch die Straßen der "Altstadt", wie die Bewohner die unteren Ebenen gerne liebevoll nannten.
Dicke, ölige Tropfen vielen von der Decke, bildeten übelriechende Schauer und einen öligen Schleier in dem sich, wenn die blinkenden Lampen günstig zur Sicht hingen, zitternde Regenbögen abbildeten.

rising verlinken 19.2.08 19:11, kommentieren



Missmutig spielte Mercy mit einer kleinen goldfarbigen Münze, die er vor kurzem durch Zufall in der zweiten Ebene fand. Sie war verkratz, aber die 50, sowie ein altes Emblem waren noch zu erkennen. Auch das Prägungsdatum war noch zu erahnen, wenn auch nicht genau zu bestimmen. Eine Ziffer war so sehr zerrieben worden, dass die Gravur aus dem Jahr 2007 oder 2097 hätte sein können. Er war nicht besonders bewandert in der Geschichte des RCs. Warum auch, schließlich gab es das RawCapital seit vielen Jahren nicht mehr.

Schon vor einigen Tagen wollte er das Netz zu befragen, was es mit diesem Fund auf sich hatte. Vielleicht konnte man noch ein paar Credits dafür bekommen. In Ebene 8 liefen schließlich viele komische Gestalten rum, die damit weiß Gott was anfangen konnte.

Im Grunde interessierte sich Mercy nicht für die Zukunft des goldfunkelnden Metalls. Es bot dem jungen Mann nur die Möglichkeit für einen kurzen Moment aus seinem eigenen Kopf zu fliehen. Er war dieses Jahr zweiundzwanzig geworden. Somit begann das siebte Jahr im freiwilligen „Exil“. Zwar wohnte er noch in der Sozialenzone, aber er nahm sich jede Chance eine Karriere zu bestehen. Das war so und so nicht das was er wollte.

 

Mit einem für diese Ebene verhältnismäßig lauten klirrenden Geräusch fiel ihm die Münze auf den Boden und riss ihn aus dem Schwelgen in seiner Vergangenheit. Als hätte sie ein Ziel kullerte sie davon. Abermals mit einem verräterischen Klirren schien das RC das Ende seines Weges hinter zwei alten, längst nicht mehr geleerten, Mülltonnen an einer Hauswand gefunden zu haben. Innerlich fluchend, strich er sich durch die kurzen dunkel braunen Haare. Auch hier unten wo er sich zwar einem gewissen Risiko hingab, aber sich nicht eingeengt von den dummen Gedanken anderer sah, wollte das Leben nicht einen Glücksmoment schenken.

1 Kommentar binat verlinken 19.2.08 20:50, kommentieren

Zumindest die Münze schien es ihm jedoch noch nicht nehmen zu wollen, denn als Mercy an den Mülltonnen vorbeiging sah er sie vor sich an der grauen Hauswand das Licht einer noch intakten Lampe reflektieren.
Als er sich allerdings, nachdem er die Münze aufgehoben hatte, umdrehte, sah er auf einer der Mülltonnen einen hageren, heruntergekommenen Mann Anfang Zwanzig sitzen, welcher ihn unverschämt angrinste.

Anstelle von natürlichen Augen hatte er Cyberaugen, die wie ein kleiner Kasten in Form eines kurzen Fernglases mit Metallblende direkt über seiner Nase aus seinem abgehärmten Gesicht ragten. Er hatte wohl entweder - was als das wahrscheinlichere erschien - kein Geld für authentische Implantate gehabt oder legte einfach keinen Wert auf solche. Auch die Zähne starrten gelb und fleckig aus seinem Grinsen auf Mercy herab. Seine ungepflegt aussehenden, fettigen, blonden Haare standen in alle Richtungen ab. An der Seite trug er eine, für seine Größe völlig überdimensional aussehende, Ares Predator II und über seine Schulter ragte der Griff einer Nano – Klinge. „Stay cool, Chummer. Ich bin keiner von den Bösen“.
Auf dem Rücken der Finger seiner rechten Hand ließ er genau so eine Münze hin – und herwandern, wie Mercy sie gerade aufgehoben hatte. Mit der anderen Steckte er sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. Seine Kleidung bestand aus einem mehrfach schlecht geflicktem, einfachem, dunklen Hemd sowie einer dazu passenden Hose. Die vielfachen Flicken an seiner Hose hatten die Form von Würfeln in allen möglichen Farben und Augenzahlen – die an seinem Hemd zeigten Skat – Karten.
“Hast meine Glücksmünze gefund’n, huh?“ nuschelte er noch breiter grinsend, mit der Zigarette im Mundwinkel.

1 Kommentar rising verlinken 20.2.08 17:02, kommentieren

Mercy gefror umgehend jegliche Emotionsfähigkeit in seinem Gesicht ein. Er war kein Freund von Cyborgs, auch oder gerade wegen seinem Unfall, der ihn den rechten Arm kostete. Irgend einer dieser reichen Haie hatte ihm, während er betäubt vom Schmerz im Hospital for Criticalacidentvictims in Altgelsenkirchen um sein Leben kämpfte, einen Cyborgarm besorgt. Für Mercy stand fest, es ging nicht um ihm, sondern um die masturbierende geistige Befriedung. Niemals traf oder erfuhr er den Namen seines Spenders, was ihn in seiner Vermutung bestätigte. Er hatte sich zwar mittlerweile an diese Anomalie gewöhnt, doch stieß er sie im Bewusstsein weiterhin ab. Mercys alter dunkelbrauner Mantel gab ihm nicht nur Sicherheit. Er verschaffte ihm in Momenten wie diesen, in denen Licht auf das nasse Obermaterial fiel auch eine charismatische Aura. Beide Hände steckten in Textilhandschuhen, so dass niemand der Mercy nicht kannte sein Geheimnis erahnen konnte. Geschick lies er die Münze in einem Handschuh verschwinden und schob sie so unbemerkt tief in einer der vollen Taschen seines Paletots. Diese Begegnung war somit weder gewollt, noch konnte er sich an dem abstoßende Wesen Faszination empfinden. Er hätte sich nun gerne umgedreht, aber die Gefahr von einem Outlaw hinterrücks erstochen zu werden war ihm zu groß. Trotz seines Bemühens nicht beleidigend zu werden, konnte er seinen Missmut nicht in seinem Ton verbergen. Abwertend, jedoch sicher „Welch’ Glück sollte sie dir nun bringen? Hier unten scheint mir dieses Wort eher wie bittere Ironie zu schmecken.“

binat verlinken 20.2.08 18:12, kommentieren

Ruhig zog er an seiner Zigarette und blies eine Wolke dichten Qualms in Richtung Decke, bevor er Antwortete. „Chummer, even oder gerade im dreckigsten Loch gibt’s Glück!“ Dabei machte er von der Höhe des Magens aus mit seinen Händen eine nach oben führende, umeinander wirbelnde Geste (wobei die Münze immernoch darin umhersprang). „Down here sehen das die wenigsten…  's is’ der Grund aus dem ich here bin.“ Er kicherte leise und sprang rückwärts – in entgegengesetzter Richtung zu Mercy – von der Mülltonne. „ Bei dir schien mir das anders, schließlich hast’ die Coin gefunden, huh? Mir bringt die jetzt gar kein Glück mehr… hatse aber lang’! Nu’ soll ’se dir Glück bring’n, ich hab ja schließlich meine own one“ Dabei hielt er demonstrativ die Rechte hoch, in der er immer noch mit der Münze spielte. Wieder zog er an seiner Zigarette, welche er nun zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Dabei runzelte er die Stirn und zog die Brauen zusammen, was mit den Cyberaugen – wie seine Gesamte Mimik – ungewohnt anmutete.

„Man, ich hab’ ganz das Misstrauen auf dieser Ebene vergessen! Und meine Manieren erst!“ er lachte. „Ich bin Dice, man“

„Pass auf, lass uns kein’n big Deal draus machen. Wie der Zufall es will, bist du ausgerechnet der, zu dem Garry mich schickt! Ich hab was zu erledigen und brauch’ n bisschen bezahlte help dabei…. Hast just drauf?“

rising verlinken 20.2.08 19:53, kommentieren

„Garry...“ murmelte Mercy. Alles war ihm heute lieb gewesen. Es war einer seiner freien Abende, die er mit einem melancholischen Spazierganz im „Down“, wie Dice es nannte, krönen wollte. Danach wäre er wieder zurück in Ebene 6, um mit Dragonflush in den Venen einzuschlafen. Bei diesem Gedanken musste er unweigerlich zusammen zucken, denn er hatte ganz vergessen heute bei Tobrugh vorbei zu gehen. Er hatte Vorrat bestellt, ihm war die Droge ausgegangen. Das bedeutet nicht nur eine Menge Ärger, nein auch einige Wochen keine Dragonflush. Nicht dass sich Mercy als Abhängig bezeichnen würde, doch hatte er gefallen. Sie gab ihm die Möglichkeit befreit von allen Gedanken einzuschlafen, vor allem war sie wichtig für sein kleines Projekt. Die Droge besaß einige Übermittlungsstoffe ohne die, die synthetische Datenübertragung schlichtweg unmöglich wurde. Zumindest hatte er es nie ohne Flush probiert, da es einige Gerüchte gab, welche ebenso unbestätigt waren wie das Gerücht, dass der Staat an synthetischer Datenübertragung arbeitet. Es seien ein paar Hobbyhacker gestorben bei dem dilitantischen Versuch sich Daten ins Hirn zu schießen, ohne vorher Flush genommen zu haben. Da Mercy aber vor zwei Monaten eine Disc mit Dateien aus dem Projekt zu geschoben bekommen hatte und selbst schon fünf Versuche überlebte, welche wenigstens einwenig erfolgreich waren, verließ er sich auf das was er hörte. Das war im allgemeinen besser in dieser Welt. Somit entschied sich Mercy, dieser Gestalt seinen Glauben zu schenken, aber nicht ganz ohne Eigennutz. „Hast du Flush dabei?“ murrte er. „Garry weiß genau, dass ich es vorziehe meine freien Abende in Einsamkeit zu verbringen. Und nun habe ich so einen wie dich an der Backe, der aussieht als wäre er auf dem Highstream unter die Cars gekommen. Fuck off! Hast du den Bastard eigentlich zur Strecke gebracht, der mit dem Tank über deinen Arsch gefahren ist?“

1 Kommentar binat verlinken 20.2.08 20:35, kommentieren

"Gib nich' Garry die Schuld... er hat mir schon vor Tagn die Beschreibung gegeben... un' today haste meine Münze gefunden... ein Zufall" Er zog eine Braue nach unten und neigte den Kopf in diese Richtung, die groteske Immitation eines Augenzwinkerns.
"Flush, huh? Vorsichtig mit dem Zeug" sagte er grinsend, und warf Mercy eine Dosis zu "Der geht auf's Haus - aber dont get used to!"
Danach holte er eine Karte heraus und gab sie ihm.
"Phon - Nummer und sowas, melde dich einfach, wennde soweit bist"

Damit dreht er sich um und ging leichtfüßig in die Dunkelheit.

rising verlinken 21.2.08 16:29, kommentieren