Zumindest die Münze schien es ihm jedoch noch nicht nehmen zu wollen, denn als Mercy an den Mülltonnen vorbeiging sah er sie vor sich an der grauen Hauswand das Licht einer noch intakten Lampe reflektieren.
Als er sich allerdings, nachdem er die Münze aufgehoben hatte, umdrehte, sah er auf einer der Mülltonnen einen hageren, heruntergekommenen Mann Anfang Zwanzig sitzen, welcher ihn unverschämt angrinste.

Anstelle von natürlichen Augen hatte er Cyberaugen, die wie ein kleiner Kasten in Form eines kurzen Fernglases mit Metallblende direkt über seiner Nase aus seinem abgehärmten Gesicht ragten. Er hatte wohl entweder - was als das wahrscheinlichere erschien - kein Geld für authentische Implantate gehabt oder legte einfach keinen Wert auf solche. Auch die Zähne starrten gelb und fleckig aus seinem Grinsen auf Mercy herab. Seine ungepflegt aussehenden, fettigen, blonden Haare standen in alle Richtungen ab. An der Seite trug er eine, für seine Größe völlig überdimensional aussehende, Ares Predator II und über seine Schulter ragte der Griff einer Nano – Klinge. „Stay cool, Chummer. Ich bin keiner von den Bösen“.
Auf dem Rücken der Finger seiner rechten Hand ließ er genau so eine Münze hin – und herwandern, wie Mercy sie gerade aufgehoben hatte. Mit der anderen Steckte er sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. Seine Kleidung bestand aus einem mehrfach schlecht geflicktem, einfachem, dunklen Hemd sowie einer dazu passenden Hose. Die vielfachen Flicken an seiner Hose hatten die Form von Würfeln in allen möglichen Farben und Augenzahlen – die an seinem Hemd zeigten Skat – Karten.
“Hast meine Glücksmünze gefund’n, huh?“ nuschelte er noch breiter grinsend, mit der Zigarette im Mundwinkel.

1 Kommentar rising am 20.2.08 17:02, kommentieren

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Missmutig spielte Mercy mit einer kleinen goldfarbigen Münze, die er vor kurzem durch Zufall in der zweiten Ebene fand. Sie war verkratz, aber die 50, sowie ein altes Emblem waren noch zu erkennen. Auch das Prägungsdatum war noch zu erahnen, wenn auch nicht genau zu bestimmen. Eine Ziffer war so sehr zerrieben worden, dass die Gravur aus dem Jahr 2007 oder 2097 hätte sein können. Er war nicht besonders bewandert in der Geschichte des RCs. Warum auch, schließlich gab es das RawCapital seit vielen Jahren nicht mehr.

Schon vor einigen Tagen wollte er das Netz zu befragen, was es mit diesem Fund auf sich hatte. Vielleicht konnte man noch ein paar Credits dafür bekommen. In Ebene 8 liefen schließlich viele komische Gestalten rum, die damit weiß Gott was anfangen konnte.

Im Grunde interessierte sich Mercy nicht für die Zukunft des goldfunkelnden Metalls. Es bot dem jungen Mann nur die Möglichkeit für einen kurzen Moment aus seinem eigenen Kopf zu fliehen. Er war dieses Jahr zweiundzwanzig geworden. Somit begann das siebte Jahr im freiwilligen „Exil“. Zwar wohnte er noch in der Sozialenzone, aber er nahm sich jede Chance eine Karriere zu bestehen. Das war so und so nicht das was er wollte.

 

Mit einem für diese Ebene verhältnismäßig lauten klirrenden Geräusch fiel ihm die Münze auf den Boden und riss ihn aus dem Schwelgen in seiner Vergangenheit. Als hätte sie ein Ziel kullerte sie davon. Abermals mit einem verräterischen Klirren schien das RC das Ende seines Weges hinter zwei alten, längst nicht mehr geleerten, Mülltonnen an einer Hauswand gefunden zu haben. Innerlich fluchend, strich er sich durch die kurzen dunkel braunen Haare. Auch hier unten wo er sich zwar einem gewissen Risiko hingab, aber sich nicht eingeengt von den dummen Gedanken anderer sah, wollte das Leben nicht einen Glücksmoment schenken.

1 Kommentar binat am 19.2.08 20:50, kommentieren

Der Anfang

Rhein - Ruhr Megaplex, 12.09.2152  Wolken bedeckten - wie zumeist - den von der zweiten von 13 Ebenen "alt Gelsenkirchens" unsichtbaren Himmel. Der Regen tropfte dennoch von den dreckigen Decken und Brücken der oberen Ebenen. Niemand konnte sagen, ob es vorgestern oder gestern geregnet hatte... vermutlich regnete es heute sowieso auch.
 In den unteren Ebenen, wo höchstens künstliches Licht die Schatten, in denen zwielichte Gestalten warteten, vertrieb, lebten nur wenige "vernünftige" Leute. Zumeist gescheiterte Existenzen, Junkies, Kranke, Arbeitsunfähige. Noch weniger überlebten hier lange. Müll beseitigte sich hier unten von selbst... denn das war es worum hier gekämpft wurde, wovon viele von den Menschen hier unten lebten.

Schmutzige Pfützen bedeckten den gesprungen, porösen Stahl - Beton Boden. Lampen waren lange nicht ausgewechselt worden, blinkten oder waren ganz aus. Keine Cars bewegten sich hier unten, sodass es beinahe gespenstisch Still war. Der CAP hatte kaum noch Karten für hier unten, sodass man den Wagen hätte selbst lenken müssen, was bei der Menge an Hindernissen hier unten vermutlich ohnehin der Fall gewesen wäre.

Eine Person, die der Müll - zumindest heute - nicht interessierte, ging missmutig durch die Straßen dieser Ebene. Suchend, achtend bahnte sie sich ihren Weg durch die Straßen der "Altstadt", wie die Bewohner die unteren Ebenen gerne liebevoll nannten.
Dicke, ölige Tropfen vielen von der Decke, bildeten übelriechende Schauer und einen öligen Schleier in dem sich, wenn die blinkenden Lampen günstig zur Sicht hingen, zitternde Regenbögen abbildeten.

rising am 19.2.08 19:11, kommentieren